Berlin – Gewalt an den Schulen – 1836 Fälle in einem Schuljahr

Posted on 05/02/2013

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In Berlin gibt es rund 800 staatliche Schulen. Und an diesen eine Menge Gewalt: insgesamt 1.836 gemeldete Fälle innerhalb von einem Schuljahr. Davon 459 Fälle schwerer körperlicher Gewalt und 238 Fälle schwerwiegender Bedrohungen. In 25 Prozent der Fälle ist das Lehrpersonal betroffen.

05.02.2013

Gewaltpräventionsbericht

An Berliner Schulen wächst die Gewalt

Von Martin Klesmann
Berlin –

Die Zahl der gemeldeten Gewaltvorfälle und Bedrohungen ist so hoch wie noch nie. Einen besonders deutlichen Anstieg gibt es an Grundschulen. Schulen melden mittlerweile auch Fälle, die sie laut Vorschrift gar nicht melden müssten.

Noch nie seit Beginn der statistischen Erhebungen sind so viele Gewaltvorfälle, Bedrohungen und Beleidigungen an Berliner Schulen erfasst worden wie im vergangenen Jahr. Das bestätigte am Montag ein Sprecher der Bildungsverwaltung. Der neue Gewaltpräventionsbericht für das Schuljahr 2011/12 listet genau 1836 Gewaltvorfälle und Notfälle auf. Das ist gegenüber dem Vorjahr ein Anstieg um 25 Prozent. Besonders auffällig ist der deutliche Anstieg der Meldungen aus Grundschulen.

Die Anzahl der gemeldeten Fälle von schwerer körperlicher Gewalt ging im gleichen Zeitraum aber um elf Prozent zurück. „Unter schwerer körperlicher Gewalt verstehen wir Taten, die mit Waffen wie etwa einem Baseballschläger begangen werden und bei denen es zu Verletzungen kommt“, erläutert Schulpsychologe Jan Wolter, der als Angehöriger eines Krisenteams in Schulen in Tempelhof-Schöneberg unterwegs ist. „Insgesamt zeigen die Zahlen, dass die Lehrer stärker sensibilisiert sind und Schulen schon frühzeitig offensiv gegen aggressives Verhalten vorgehen“, sagt Wolter.

Dennoch geben die erfassten Vorfälle Anlass zur Sorge: Fast die Hälfte, der gemeldeten Fälle – nämlich 48 Prozent hatte mit dem sogenannten Gefährdungsgrad I zu tun. Es geht also um „Beleidigung, Drohung, Tätlichkeit und Mobbing“. Darunter verstehen die zuständigen Schulpsychologen um Ria Uhle „zum Beispiel anpöbeln, beleidigen, beschimpfen, an den Haaren ziehen, schubsen, schlagen oder treten“. Hier gab es einen rasanten Anstieg.

Interessant dabei: Vor fünf Jahren hatte die Schulverwaltung verfügt, dass diese Fälle nicht mehr zwingend gemeldet werden müssen. Das hatte zunächst für einen Rückgang gesorgt. Doch nun melden immer mehr Schulen diese teils weniger gravierenden Fälle doch wieder. Freiwillig. Schulpsychologe Wolter kann das verstehen: „Wenn ein Schüler mit Mobbing und Beschimpfungen durchkommt, verübt er womöglich später auch schwere Gewalttaten.“

Immerhin 17 Prozent der gemeldeten Fälle hatten im vergangenen Schuljahr mit schwerer körperlicher Gewalt zu tun, das waren 459 Fälle. Und in 13 Prozent der Fälle ging es um schwerwiegende Bedrohungen, etwa um Mord- oder Amokdrohungen. Das waren 238 Fälle. Beispielsweise drohte ein Schüler auf Facebook mit einem Amoklauf an seiner Schule. Zur Einordnung: In Berlin gibt es insgesamt knapp 800 staatliche Schulen.

Für den Schulpsychologen Jan Wolter ist es nicht verwunderlich, dass Grundschullehrer besonders sensibel auf Beschimpfungen und Mobbing reagieren. „Die Klassenleiter kennen ihre Lerngruppe normalerweise sehr gut.“ Wichtig sei, in kritischen Situationen das Gespräch auch mit den Eltern zu suchen.

Überraschend ist, dass nach Mitte die meisten Gewaltvorfälle inzwischen aus Steglitz-Zehlendorf gemeldet werden. So richtig erklären kann das auch Schulpsychologe Wolter nicht. „Dort ist viel an Fortbildung und Seminaren gelaufen“, sagt er.

Besonders besorgniserregend: Ein Viertel aller Gewaltvorfallmeldungen beinhaltet Übergriffe auf Lehrer. Das sind meist Bedrohungen, in gut jedem zehnten Fall kam es aber auch zu schwerer körperlicher Gewalt. „Es ist mir ganz wichtig, dass jegliche Übergriffe auf Lehrer sofort registriert werden“, sagte Wolter. Das gefährde auf massivste Weise den Schulfrieden und führe dazu, dass Lehrer ernsthaft erkranken.

Details aus dem Gewaltbericht:
  • Laut Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft wurden im Schuljahr 2011/12 1836 Gewaltvorfälle und Notfälle gemeldet. Im Vergleich zum Vorjahr stieg die Zahl der Meldungen um ca. 25 % an.
  • Die Mehrzahl der Meldungen kam aus den Grundschulen mit ca. 44 %, gefolgt von den Integrierten Sekundarschulen (ISS) mit ca. 34 % und den Sonderschulen mit ca. 14 %.
  • Unverändert kamen die meisten Meldungen von Berliner Schulen aus dem Bezirk Mitte mit knapp 14 %. Im Vergleich zum letzten Schuljahr gingen im Bezirk Mitte die Meldungen um etwa 3 % zurück.
  • Kamen im vergangenen Schuljahr noch ca. 13 % aller Meldungen aus Neuköllner Schulen, sind es im Schuljahr 2011/2012 noch ca. 10 %, d.h. ebenfalls 3 % weniger.
  • Die Meldungen der Schulen in Steglitz-Zehlendorf sind um ca. 3 % angestiegen, von 10 % auf 13 %. Ein deutlicher Anstieg ist ebenfalls in Charlottenburg-Wilmersdorf zu sehen, es gingen ca. 3 % mehr Meldungen ein.
  • Entsprechend der „Notfallpläne für Berliner Schulen“ werden sowohl Gewaltvorfälle als auch Notfälle erfasst. Die gemeldeten Notfälle, jenseits von Gewalthandlungen im schulischen Kontext, machen mit ca. 3,3 % aller gemeldeten Vorfälle einen geringen Anteil aus. Es handelt sich schwerpunktmäßig um Selbsttötungsäußerungen, Selbstmordversuche, Todesfälle im schulischen Umfeld sowie die Anforderung von Unterstützung bei Hinweisen auf Gewalt in der Familie.
  • In den Notfallplänen sind die Gewalthandlungen bzw. Notfälle drei Gefährdungsgraden1 zugeordnet:
  • Gefährdungsgrad I: Beleidigung / Drohung / Tätlichkeit, Mobbing, Suchtmittelkonsum, Suizidäußerung und -ankündigung, Tod von Schulangehörigen.
  • Gefährdungsgrad II: Amokdrohung, Bedrohung, Gewaltdarstellung auf Datenträgern, Gewalt in der Familie, Handel mit Suchtmitteln, Nötigung / Erpressung / Raub, Schwere körperliche Gewalt, Sexuelle Übergriffe, Suizidversuch, Übergriffe auf Schulpersonal, Vandalismus, Verfassungsfeindliche Äußerungen, Waffenbesitz
  • Gefährdungsgrad III: Brandfall, Epidemie / Vergiftungen, Geiselnahme, Sprengsätze, Suizid / Tod in der Schule, Waffengebrauch
  • Der überwiegende Teil der Meldungen, ca. 54 %, betreffen Vorfälle geringer Gefährdung (Gefährdungsgrad I), ca. 45 % Vorfälle mittlerer Gefährdung (Gefährdungsgrad II). Im Vergleich zum vergangenen Schuljahr gingen die Meldungen hier um ca. 7 % zurück. Dafür stiegen die Meldungen aus dem Gefährdungsgrad I um ca. 7 % an. Weniger als 1 % der Meldungen sind dem Gefährdungsgrad III, hohe Gefährdung, zuzuordnen. Hier handelt es sich um Brandfälle, Waffengebrauch, Drohung mit Sprengsätzen und einen Todesfall in der Schule.
  • Die häufigsten Vorfallsarten: In 78 % aller gemeldeten Vorfälle wurden Formen körperlicher Gewalt sowie Bedrohungen unter-schiedlichen Gefährdungsgrades beschrieben.
  • In ca. 48 % der gemeldeten Vorfälle wurde von Konflikten oder Eskalationen aus der Kategorie „Beleidigung, Drohung, Tätlichkeit“ berichtet, die eine deutliche Übertretung der Regeln des Zusammenlebens im schulischen Alltag bedeuten. 17 % aller gemeldeten Vorfälle wurden von den Schulen als „Schwere körperliche Gewalt“ eingeschätzt. 13 % der Fälle umfassen als schwerwiegend erlebte Bedrohungen (Morddrohungen und Amokdrohungen).
  • Unter Sonstiges wurden hier alle anderen Vorfälle, entsprechend der Vorfallskategorien der Notfallpläne, erfasst. Dazu gehören beispielsweise Mobbing mit ca. 4 % und sexuelle Übergriffe mit ca. 2 % aller Vorfälle.
  • Opfer und Betroffene sowie Täter und Verursacher von Gewalt: 53 % aller Opfer bzw. Betroffenen waren männlich, 36 % weiblich, in allen übrigen Fällen wurde bezüglich des Geschlechts der Betroffenen keine Angabe gemacht. Bei den Tätern bzw. Verursachern waren 85 % männlich und ca. 12 % weiblich.
  • Ca. 25 % aller Meldungen beinhalten Übergriffe gegenüber Schulpersonal. Hierbei handelt es sich in mehr als der Hälfte der Fälle (ca. 56 %) um Beleidigungen/Drohungen/Tätlichkeiten, in ca. 11 % um schwere körperliche Gewalt und in ca. 15 % der Meldungen um Bedrohungen. In zwei Fällen wurde Schulpersonal als Täter bzw. Verursacher genannt.
  • (Quelle)

http://www.berliner-zeitung.de/berlin/gewaltpraeventionsbericht-an-berliner-schulen-waechst-die-gewalt,10809148,21639460.html

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